Was müssen Unternehmen über den Strommarkt wissen?

Olivia Matondo
24.2.2025

Der Strommarkt ist das Herzstück der deutschen Energieversorgung und hat direkten Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Doch wie funktioniert dieses komplexe System aus Erzeugern, Händlern, Netzbetreibern und Verbrauchern? Welche Faktoren bestimmen die Preisbildung, und wie können Unternehmen die Mechanismen des Marktes zu ihrem Vorteil nutzen?

Strommarkt im Überblick – Die wichtigsten Fakten

  • Akteure des Strommarkts: Der Strommarkt wird durch das Zusammenspiel von Erzeugern (55% konventionell, 45% erneuerbar), Netzbetreibern, Händlern und Verbrauchern bestimmt. Vier große Übertragungsnetzbetreiber und rund 900 regionale Verteilnetzbetreiber sorgen für den Transport zu über 1.000 Stromlieferanten und Endkunden.
  • Preisbildung durch Merit-Order: Das Merit-Order-Prinzip regelt die Einspeisereihenfolge der Kraftwerke nach ihren Produktionskosten, wobei günstige erneuerbare Energien (0-5 ct/kWh) zuerst einspeisen und teure Gaskraftwerke (15-25 ct/kWh) oft den finalen Preis bestimmen.
  • Marktliberalisierung und Herausforderungen: Die Liberalisierung seit 1998 ermöglicht Unternehmen zwar freie Anbieterwahl und flexible Beschaffungsstrategien, erfordert aber auch den Umgang mit volatilen Preisen und steigenden Netzentgelten.
  • Zukunftstrends und Chancen: Neue Technologien wie Smart Grids, Energiespeicher und dynamische Tarife bieten Unternehmen vielfältige Möglichkeiten zur Kostenoptimierung durch intelligentes Lastmanagement und Eigenproduktion.

Die wichtigsten Akteure im Strommarkt

Der Strommarkt funktioniert nur durch das Zusammenspiel verschiedener Akteure. Für Unternehmen ist es wichtig zu verstehen, welche Rolle diese Akteure spielen und wie sie die Strompreise beeinflussen.

Stromerzeuger – Von Grundlast bis Spitzenlast

Die Stromerzeugung in Deutschland basiert auf zwei Hauptsäulen: konventionelle Kraftwerke und erneuerbare Energien. Konventionelle Kraftwerke, die mit Kohle oder Gas betrieben werden, sichern etwa 55% der deutschen Stromerzeugung. Sie sind zwar flexibel steuerbar und garantieren eine verlässliche Stromversorgung, tragen jedoch durch ihren hohen CO₂-Ausstoß zum Klimawandel bei.

Die erneuerbaren Energien haben mittlerweile einen Anteil von 45% an der deutschen Stromerzeugung erreicht. Windkraft, sowohl an Land als auch auf See, ist dabei der größte erneuerbare Erzeuger. Photovoltaikanlagen liefern besonders mittags viel Strom, während Biomasse- und Wasserkraftwerke als planbare erneuerbare Energiequellen eine wichtige Rolle für die Versorgungssicherheit spielen.

Netzbetreiber – Das Rückgrat der Stromversorgung

Das deutsche Stromnetz wird von zwei Arten von Netzbetreibern betreut:

Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB):

  • Vier große Akteure: TenneT, Amprion, 50Hertz und TransnetBW
  • Betreiben das Höchstspannungsnetz (220/380 kV)
  • Verantwortlich für überregionalen Transport und Netzstabilität

Verteilnetzbetreiber (VNB):

  • Etwa 900 regionale Netzbetreiber
  • Bringen Strom zum Endverbraucher
  • Wichtige Ansprechpartner für Netzanschlüsse und Integration von Eigenerzeugungsanlagen

Stromhandel und Börsen – Wo der Preis entsteht

Der Stromhandel findet hauptsächlich an der europäischen Strombörse EPEX SPOT statt. Hier wird Strom auf verschiedenen Märkten gehandelt:

Day-Ahead-Markt:

  • Preisbildung für die 24 Stunden des Folgetages
  • Wichtigster Referenzmarkt für Strompreise
  • Basis für viele Stromlieferverträge

Intraday-Markt:

  • Handel bis 5 Minuten vor Lieferung
  • Ermöglicht kurzfristige Anpassungen
  • Besonders wichtig für die Integration erneuerbarer Energien

Terminmarkt (EEX):

  • Handel von Stromlieferungen für die Zukunft
  • Wichtig für langfristige Preisabsicherung
  • Reduziert Risiken für Unternehmen

Stromlieferanten und Verbraucher – Die letzte Meile

Über 1.000 Stromlieferanten sorgen in Deutschland für den Vertrieb von Strom an Endkunden. Ihre unterschiedlichen Beschaffungsstrategien haben direkten Einfluss auf die Preise, die Unternehmen für ihren Strom zahlen. Dabei bieten viele Versorger speziell auf B2B-Kunden zugeschnittene Tarife an, die sich an verschiedenen Verbrauchsprofilen orientieren.

Die Industrie verbraucht etwa 45% des deutschen Stroms und hat verschiedene Möglichkeiten zur Optimierung:

  • Lastmanagement: Verlagerung des Verbrauchs in günstige Preiszeiten
  • Flexible Beschaffung: Kombination von Termin- und Spotmarkteinkäufen
  • Eigenerzeugung: Installation von PV-Anlagen für mehr Unabhängigkeit

Wie funktioniert der Strommarkt? - Das Merit-Order-Prinzip

Der Strommarkt ist ein komplexes System, in dem Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen. Dabei spielt vor allem das Merit-Order-Prinzip eine zentrale Rolle. Es regelt, welche Kraftwerke wann Strom ins Netz einspeisen. Die Reihenfolge richtet sich nach den Produktionskosten:

  • Erneuerbare Energien (0-5 ct/kWh): Wind- und Solaranlagen speisen zuerst ein, da sie keine Brennstoffkosten haben
  • Kernkraft und Braunkohle (5-10 ct/kWh): Folgen aufgrund ihrer niedrigen variablen Kosten
  • Steinkohle (10-15 ct/kWh): Wird bei mittlerer bis hoher Nachfrage zugeschaltet
  • Gaskraftwerke (15-25 ct/kWh): Kommen bei Spitzenlast zum Einsatz

Der Strompreis für alle Erzeuger entspricht dabei den Kosten des teuersten noch benötigten Kraftwerks. Steigt also die Nachfrage so weit, dass Gaskraftwerke benötigt werden, zahlen Verbraucher den höheren Gasstrompreis.

Liberalisierung des Strommarktes – Welche Chancen und Herausforderungen gibt es für Unternehmen?

Die Liberalisierung des Strommarktes begann 1998 mit dem Ziel, mehr Wettbewerb und niedrigere Preise zu schaffen. Diese grundlegende Reform hat den Energiemarkt fundamental verändert.

Vorteile der Liberalisierung

  • Freie Anbieterwahl: Unternehmen können ihren Stromlieferanten selbst wählen und Konditionen verhandeln, statt an regionale Versorger gebunden zu sein.
  • Förderung erneuerbarer Energien: Wirtschaftliche Anreize und Fördermechanismen haben den Ausbau von Wind- und Solarenergie beschleunigt, was langfristig zu stabileren Preisen führen soll.
  • Erhöhte Markttransparenz: Durch börsenbasierte Handelsmechanismen sind Preisbildung und Marktentwicklungen besser nachvollziehbar, was Unternehmen bei ihrer Beschaffungsstrategie unterstützt.

Herausforderungen der Marktliberalisierung

  • Verstärkte Preisvolatilität: Der freie Markt reagiert sensibler auf Krisen und geopolitische Ereignisse, wie die extremen Preissteigerungen während der Energiekrise 2022 zeigten.
  • Wetterabhängige Stromerzeugung: Der steigende Anteil erneuerbarer Energien macht die Stromerzeugung von Sonne und Wind abhängig, was zu schwankender Verfügbarkeit und variablen Preisen führt.
  • Steigende Netzkosten: Der massive Ausbau der Stromnetze für die Integration erneuerbarer Energien führt zu höheren Netzentgelten, die einen wachsenden Teil der Stromkosten ausmachen.

Die Liberalisierung bietet Unternehmen zwar mehr Flexibilität bei der Strombeschaffung, erfordert aber auch ein professionelles Energiemanagement mit einer durchdachten Beschaffungsstrategie und Optimierung des eigenen Verbrauchs. Die erfolgreiche Nutzung dieser Marktfreiheit erfordert einen strategischen Ansatz, der Chancen nutzt und gleichzeitig Risiken minimiert. Unternehmen müssen dafür Preisentwicklungen analysieren, Risiken bewerten und verschiedene Beschaffungsoptionen vergleichen können. Moderne Energiemanagement-Software kann diese komplexen Aufgaben unterstützen und hilft dabei, fundierte Entscheidungen zu treffen.

Bedeutung des Strommarkts für Unternehmen

Für Unternehmen ist das Verständnis des Strommarkts besonders wichtig, da Energiekosten einen erheblichen Teil der Betriebskosten ausmachen:

  • Kostenstruktur: Bei produzierenden Unternehmen machen Energiekosten oft 5-15% der Gesamtkosten aus
  • Planungssicherheit: Volatile Strompreise erschweren die langfristige Budgetplanung
  • Wettbewerbsfähigkeit: Effizientes Energiemanagement kann den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust bedeuten